Von der Atelierarbeit zu den Entdeckerräumen

Lernen mit allen Sinnen, synästhetisch, intrinsisch motiviert, spiralcurricular, eigenständig und erlebnisorientiert und das Kind in seiner individuellen Entwicklung im Mittelpunkt – ein Traum erfolgreichen Lernens eines jeden Pädagogen. Doch die Realität sieht häufig anders aus. Natürlich versuchen wir den Kindern diese Prämissen reformpädagogischen Handelns zu ermöglichen, doch uns sind Grenzen gesetzt. Digitale Medien können nicht alle Grenzen brechen, doch sie bieten an der ein oder anderen Stelle Schlupflöcher, die ein Weiterkommen im Lernprozess ermöglichen. Wichtig dabei:

  • Das Kind und dessen Lernprozess steht im Mittelpunkt
  • Die Bildschirmzeit wird kurz gehalten und effizient genutzt
  • Digitale Endgeräte dienen nicht der Spielerei, sondern dem Lernprozess
  • Die Bereiche Produzieren und Präsentieren sollten immer vor dem Konsumieren stehen
  • Lernfenster der Kinder sollen effizient und optimiert genutzt werden

Die Atelierarbeit wurde von Baumann und Talgeh entwickelt und versteht sich als eine Weiterentwicklung des Werkstattunterrichts. Das Thema steht im Mittelpunkt und wird von verschiedenen Zugängen und Blickwinkeln betrachtet sowie zielorientiert erarbeitet. Unzählige Methoden werden dabei fast nebenbei integriert und sorgen dafür, dass die Schüler intrinsisch motiviert, selbsttätig und selbstbestimmt, ergebnisorientiert und individuell lernen können. Der Lehrer bereitet die Lernumgebung vor und stellt genügend Materialien zur Verfügung. Während der Atelierarbeit selbst ist er Beobachter, Berater und Begleiter.

Zu jeder Atelierarbeit gehört ein Atelierheft, in das die Schüler ihre Ergebnisse protokollieren. Dies kann auch mit Vorlagen erfolgen, die dann abgeheftet werden. Sie lernen dadurch, ihr Lernen zu reflektieren. Hinzu kommt die Präsentationsrunde als zentraler Aspekt jeder Atelierarbeit. Sie kann entweder nach jeder Atelierstunde, aber mindestens einmal pro Woche stattfinden. Hier präsentieren die Schüler ihre Lernergebnisse. Dies schafft Selbstvertrauen, regt aber auch die Motivation an, denn man kann sich bei den Mitschülern neue Ideen holen und lernt durch deren Präsentation neue Bereiche des Sachthemas kennen.
Die Möglichkeit der Themenauswahl ist unbegrenzt! Es eignen sich jahreszeitliche Themen, aber auch sämtliche Themen aus dem Unterricht. Zu jedem Thema gibt es einen Präsentationstisch, zu dem Materialien gesammelt und ausgestellt werden. Dieser Tisch ist auch als Einstieg in das Thema gedacht, da hier die Vorerfahrungen der Schüler abgefragt werden können. Wichtig ist, dass die Schüler immer die Ateliers wechseln: Sachatelier, Deutschatelier, Matheatelier und Künstleratelier. Die Sozialform ist frei wählbar, kann aber natürlich auch von der Lehrkraft festgelegt werden.

Reformpädagogik 4.0 – oder: Wie aus der Atelierarbeit Entdeckerräume wurden

Mit dem Einzug der iPads im Klassenzimmer war es nötig, das Konzept der Atelierarbeit zu erweitern. Und das kam so:

Mir ist die Medienpädagogik wichtig. Mir ist die Atelierarbeit wichtig. Aber am wichtigsten ist mir das Kind und dessen Entwicklung. Ich möchte, dass die Kinder nicht nur schulschlau sind, sondern auch lebensschlau. Sie sollen sich zurechtfinden. Mit ihrem Herzen. Mit ihren Fähigkeiten und Talenten. Digitale Bildung ist ein Baustein davon. 

Guten Unterricht macht vor allem intrinsische Motivation aus. Ihr kennt das. Wenn man etwas selbst will, dann schafft man das auch. Das erreiche ich bei den Kindern nicht, wenn ich vorne an der Tafel den Entertainer spiele. Die Kinder brauchen Ziele. Und um die zu erreichen KANN digitale Bildung helfen, muss sie aber nicht. Wenn Kinder selbst erkennen, ob eine App oder das Tablet ihnen dienlich ist oder nicht, dann habe ich mein Ziel der Medienkompetenzschulung erreicht. 

Dabei habe ich vor allem „handwerkliche“ Apps im Sinne, die Basics sozusagen: 

  • Kamera: Sehe ich etwas nicht genau an der Tafel, fotografiere ich mir den Tafeltext ab; wenn ich ein Schaubild in einem eBook beschriften möchte, fotografiere ich mir vorher ein Bild ab, usw. 
  • Pixabay: Ich benötige lizenzfreie Bilder, die finde ich z. B. bei Pixabay. 
  • Übersetzungs-Apps: Leider konnte ich nicht so viele Bilder finden! Oft hilft der englische Begriff, den kann ich in einer Übersetzungs-App nachschlagen!
  • AirDrop: Schnelles Versenden von Dateien, Links, Fotos & Co! So ist dem Nachbar schnell geholfen!
  • Umgang mit Suchmaschinen: Wie komme ich mit den richtigen Suchbegriffen schnell ans Ziel?

Doch wie integriere ich die Medienbildung sinnvoll in den Unterricht? 

Die Angst, den Tablets und Medien zu viel Raum zu geben, schwingt bei mir immer mit. Das möchte man ja auch nicht für die eigenen Kinder daheim. Ein im wahrsten Sinne des Wortes „gesunder“ Mittelweg muss her. 

Die Atelierarbeit mit der Medienbildung zu verknüpfen war ein geschickter Schachzug. Muss ich rückwirkend schon sagen. Darauf bin ich sehr stolz. Denn bei der Atelierarbeit steht das Kind im Mittelpunkt und das Thema. Und deren Beziehung. Da spielt ein Tablet erst mal keine Rolle. Es ist NUR Mittel zum Zweck und wird nicht inflationär genutzt. Das Tablet kann helfen, die Beziehung des Kindes zum Thema zu stärken: Die Entdeckerräume sind entstanden!

Die Auftragskarten, die ich für sinnvoll erachte, habe ich mit digitalen Auftragskarten ergänzt. Man findet sie hier:

Hier nutzen die Kinder folgende Apps:

  • BookCreator
  • Kahoot!
  • Quizlet
  • PicCollage
  • Pixabay
  • Keynote
  • GarageBand
  • QR-Code-Generatoren
  • Generatoren für Umfragen
  • Stop-Motion
Foto: Pixabay

Um aber auf Nummer Sicher zu gehen, dass die Kinder auch wirklich nicht ZUVIEL mediale Einwirkungen abbekommen, habe ich folgende Regel: „Nach einer Aufgabe mit Tablet musst du eine ohne erledigen.“ Denn: Die Waagschale muss im Lot sein. Unbedingt. 

Ich blicke auf genau 2 Jahre Entdeckerräume mit den iPads zurück. Und ich bin sehr sehr sehr glücklich, was WIR geschafft haben. Die Kids und ich. Ich habe es schon oft erwähnt und ich sage es nochmal. Oft sitze ich am Pult, schaue mir die Präsentationen an und weine. Vor Rührung und vor Stolz auf die wunderbaren Grundschüler, die so viel leisten können, wenn man ihnen den Raum dazu gibt und es ihnen zutraut. 

Warum diese Art des Lernens? 

  • kompetenzorientiertes Lernen
  • spiralcurriculares Lernen
  • selbstbestimmtes Lernen mit Struktur
  • natürliche Differenzierung —> jeder kann mitmachen und profitieren
  • lernbegleitende Funktion der Lehrkraft
  • Sozialform- und Jahrgangsmischung
  • Kompetenzweitergabe durch die Präsentationsphase
  • intrinsische Motivation und große Wertschätzung.

Wie integriere ich die Entdeckeraufgaben in den Unterricht?

Nachdem ein neues SU-Thema eingeführt wurde, erkläre ich die ausgewählte Art der Dokumentation. Ich wähle immer eine besondere Art der Dokumentation aus (z. B. Box, Triama, Lapbook, etc.). Nachdem die SuS fachlichen Input bekommen haben, bestücken wir den Thementisch mit verschiedenen passenden Materialien. Erst dann, mit einem Grundstock an Wissen im Gepäck, schicke ich die SuS auf Entdeckungsreise. 

Die erste Stunde mit den Entdeckeraufgaben:

Zunächst finden sich die Kinder in frei gewählten Sozialformen zusammen. Regel: Klappt die Zusammenarbeit nicht, werden sie getrennt! Die Teams schwärmen aus und überlegen sich, mit welcher Aufgabe sie in welchem Entdeckerraum beginnen möchten. Dies notiere ich mir, um einen Überblick und eine gleichmäßige Verteilung der Bereiche zu haben. Am Ende der Stunde findet eine Präsentationsrunde statt, auch wenn noch nicht alle Aufgaben fertig gestaltet sind. 

So geht es weiter: 

Ist eine Aufgabe erledigt, schreiben die SuS einen Hefteintrag und reflektieren ihre Arbeit. Sie gehen dann dem Uhrzeigersinn nach in den nächsten Entdeckerraum und bearbeiten eine weitere Aufgabe. Nach einer Aufgabe mit digitalem Endgerät folgt eine analoge Aufgabe. Am Ende jeder Entdeckerstunde folgt eine Präsentation der Ergebnisse. 

Wie beginne ich am besten, wenn die Kinder das offene Arbeiten nicht gewohnt sind?

Hier gibt es mehrere Möglichkeiten:1.Möglichkeit: Alle Entdeckerräume, wenige Aufträge!2.Möglichkeit: Ein Entdeckerraum mit allen Aufträgen. 3.Möglichkeit: Lerntandems mit älteren Schülergruppen ermöglichen. 

Ziel: sukzessiver Einstieg ohne Überforderung. 

Welche Regeln gibt es in den Entdeckerräumen?

  1. Wir rotieren im Uhrzeigersinn durch die Entdeckerräume.

2. Angefangene Aufgaben werden beendet, erst dann geht es in den nächsten Entdeckerraum.

3. Wenn ich einen Auftrag digital bearbeitet habe, folgt darauf ein analoger Auftrag.

Wie kann man die Medienbildung in die Entdeckerräume integrieren?•Das Thema und das Kind stehen im Mittelpunkt – nicht das digitale Endgerät!•Tablets sind Unterstützung und helfen dabei, stärker in die Thematik vorzudringen. Sie werden nicht ihrer selbst willen eingesetzt.•Durch die Präsentation multipliziert sich mediale Kompetenz in kürzester Zeit, weil Kinder von Kindern lernen. •

Welche Apps werden bei den Entdeckerräumen beispielsweise  eingesetzt?

Das variiert natürlich und es kommen ja auch stetig neue Apps hinzu. Hier ist aber eine kleine Auswahl: •Kamera•Safari bzw. ein  anderer Browser•Maßband•Keynote, Pages, Numbers (bzw. Pendants)•BookCreator•Clips•iMove•Stop-Motion•Pic-Collage•Kahoot!•Padlet•Quizlet•Die Maus•Pixabay•Frag-Finn•Zeichenprogramme•Klötzchen

WICHTIG: Es gilt digitale Werkzeuge wirklich als solche zu verstehen. Werkzeug, das die Umsetzung unserer Ideen unterstützt. Kein Schreiner schreinert nur des Hobels wegen. Es geht ums Produkt. Ums Thema. Ums Kind. Und die Beziehung aller zueinander. 

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